Zur
Geschichte der A. Cavaillé-Coll-Orgel
von St. Bernhard, Mainz- Bretzenheim
"Bis
in unsere Tage hinein elektrisiert der
Name „Cavaillé-Coll“ die Orgelwelt,
die 1999 den 100. Todestag des genialen
französischen Orgelbauers feierte. Seine
Werke verkörpern ein hochromantisches
Klangideal, das auf orchestrale Klangfarben,
eine hochgradige Klangverschmelzung
und sonore Fülle bei gleichzeitiger
Geschmeidigkeit des Tons abzielt. Dunklen
und gesättigten Klangfarben wird hierbei
vor lichten Farben der Vorzug eingeräumt.
Aristide Cavaillé-Coll (1811-1899) gilt
als Schöpfer der sogenannten symphonischen
Orgel; sein Einfluß auf die Entwicklung
des englischen und deutschen Orgelbaus
kann nicht hoch genug eingeschätzt werden.
Er schuf eine Synthese aus der klassischen
französischen Orgel, der er charakteristische
überblasende Flöten (Flûte harmonique),
das Schwellwerk und (spanische) horizontale
Trompeten (Trompettes en chamade)
sowie (süddeutsche) Streicher hinzufügte.
Eine hochwertige handwerkliche
Verarbeitung edler Materialien paart
sich in den Meisterwerken des wissenschaftlich
forschenden Akustikers mit genialen
klanglichen Entwürfen, die sich en detail
durch eine individuelle und elegante
Intonation auszeichnen. Seine Orgeln
boten zahlreichen französischen Komponisten
in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts
Inspiration und Realisierungsmöglichkeit
eines neuartigen, durch sie selbst hervorgerufenen,
symphonischen Kompositionsstils. Die
größten Orgelkomponisten Frankreichs
- wie Franck, Widor, Vierne bis Messiaen
- waren zutiefst von dem Klangreichtum
seiner Instrumente motiviert und erfüllt.
Die
A. Cavaillé-Coll Orgel von St. Bernhard
die erste und einzige originale ihrer
Art in Deutschland. Sie hat eine ereignisreiche
Geschichte, die durch Angaben der Familie
des vormaligen Eigentümers, des Architekten
Patrice Comte, Paris, sowie durch die
Recherchen der Orgelbauer Berger und
Swiderski rekonstruiert werden konnte.
Die Ursprünge des Instruments gehen
in die siebziger Jahre des letzten Jahrhunderts
zurück. 1876/77 für St. Ferdinand
et Thérèse de l'enfant de Jésu bestimmt,
im Winkel zwischen Rue St. Ferdinand
und Rue d'Armaillé, unweit der Place
de l'Etoile, verfügte die Gemeinde überraschend
über Mittel für den Erwerb einer größeren
Orgel. Cavaillé-Coll nutzte diese Gelegenheit,
baute für St. Ferdinand ein neues Instrument
und nahm die kleinere Orgel in sein
Atelier zum Testen neuer Techniken sowie
als Ausstellungs- und Vorführinstrument
zurück. Die aufwendige Ausstattung sowie
die komplizierte Mechanik der Orgel
belegen einen Stand der Orgelbautechnik
wie ihn Cavaillé-Coll etwa für St. Ouen
in Rouen (1890) verwandte, so daß die
Fachleute von einem Abschluß der Arbeiten
spätestens Anfang der neunziger Jahre
(1890-92) ausgehen. Seit dieser Zeit
blieb die Orgel unverändert.
Wesentlich
älter als das eigentliche Orgelwerk
sind die Prospektteile aus massiver
Eiche. Es war durchaus an der Tagesordnung,
daß Cavaillé-Coll historische Gehäuse
der Vorgängerorgeln übernahm. Teile
des Prospekts sind mehr als 250 Jahre
alt, was durch die originalen Schrauben
exakt nachgewiesen werden konnte. Der
Kunsttischler Cavaillés integrierte
meisterhaft das historische Material
und stattete z.B. auch die Orgelbank
mit entsprechenden Friesen, Schnecken
und Engelsköpfen aus.
Die
Urgroßmutter von Patrice Comte, Cécile
(1869-1950), Tochter des elsässischen
Metallfabrikanten Jakob Holtzer, kaufte
schließlich die Orgel von Cavaillé-Colls
unmittelbarem Nachfolger, Charles Mutin,
1912 für ihre musikalische Tochter Hélène,
der besten Freundin und ersten Schülerin
von Nadia Boulanger. Die berühmte Organistin
der Pariser Madeleine kannte und schätzte
das wertvolle Instrument, das im Pariser
Stadtpalais der Familie in der Rue d'Anjou
bis zum Ableben der Urgroßmutter (1950)
stand. Im Jahre 1951 wurde der Palais
verkauft und die Orgel in das Oratoire
de Louvre, der größten lutherischen
Kirche von Paris transferiert. Dort
tat sie ihren Dienst bis Ende der sechziger
Jahre. Im Jahre 1971 stellte Nadia Vergniaud,
die Mutter Patrice Comtes, ehemals selbst
Schülerin von Nadia Boulanger, das Instrument
großzügigerweise der kleinen lutherischen
Gemeinde von Suresnes vor den Toren
von Paris für ihre Versöhnungskirche
zur Verfügung. Es tat dort allsonntäglich
seinen Dienst bis im Jahre 1997 eine
größere Restauration vonnöten wurde;
die Mechanik wurde müde und die Windversorgung
schlecht. In Eigenleistung versuchte
die Gemeinde, die Kosten zu begrenzen;
die gutwilligen Amateure mußten jedoch
bald einsehen, daß nur eine fachgerechte
Restauration, die sie selbst weder fachlich
noch finanziell leisten konnten, den
Bestand der Orgel sichern konnte. Mit
Hilfe des Orgelbauers Francois Delangue
gelang es, mit der Gemeinde und dem
Eigentümer in Kontakt zu treten. P.
Comte war an einem Erhalt des Instruments
wie an einer der Orgel gerechten Aufstellung
in Deutschland interessiert und verkaufte
die Orgel an die Katholische Pfarrgemeinde
St. Bernhard nach Mainz. Die Gremien
der Gemeinde entschieden für die umfangreiche
Restaurierung durch die Orgelbaufirma
Claude Berger, Clermont d'Hérlaut (bei
Montpellier), die zusammen mit Orgelbaumeister Jean-Pierre
Swiderski, Paris, die Arbeiten mit großer
Sorgfalt und Umsicht durchführte.
Der
Generalvikar des Bistums Mainz, Prälat
Dr. Werner Guballa, weihte die erste
A. Cavaillé-Coll-Orgel Deutschlands
am 17. Dezember 1999. Daniel Roth, Titularorganist
der großen A. Cavaillé-Coll-Orgel von
St.- Sulpice zu Paris, spielte den feierlichen
Gottesdienst zur Weihe und das Einweihungskonzert
im Rahmen eines internationalen Symposions
anläßlich des 100. Todestages Aristide
Cavaillé-Colls der Akademie des Bistums
Mainz, Erbacher Hof".
(Dr. Peter Reifenberg,
Akademie des Bistums Mainz, mit freundlicher
Genehmigung)