Einführung
Kirchengeschichte
Die Nehringer Andreas-Kapelle verdankt ihr heutiges Aussehen einem
umfangreichen barocken Umbau in den Jahren 1721 bis 1726 während der Amtszeit
des Generalgouverneurs von Rügen und Vorpommern, Graf August von Meyerfeldt, in
der sog. „schwedischen Periode“.
Großflächige Deckengemälde (Kreuzigungsszenen und Jüngstes
Gericht), Tafelbilder, sowie die barocke Kanzel, der Taufengel, die
Patronatsloge und die restaurierte Mehmel-Orgel vervollständigen den barocken
Eindruck. Besonders hervorzuheben ist der künstlerisch hochwertige
Marmor-Renaissancealtar von 1598, der mit seinen aus italienischer Schule
stammenden Reliefs das wertvollste Ausstattungsstück der Kirche darstellt.
Nehringen selbst gilt als letztes erhaltenes Ensemble schwedischen Barocks in
Vorpommern (Quelle: Kirchen
im Ostseeland).
1945 beginnt der Verfall der Kirche, die wegen zunehmender
Einsturzgefahr dann schließlich später ganz geschlossen wird. 1984 wird noch
während der DDR-Regierungszeit vom Kreiskirchenrat der Beschluss gefasst, die
Kirche (und vermutlich die durch Vandalismus beschädigte Orgel) ganz
aufzugeben. Nach vehementen Protesten der Kirchengemeinde wird versucht,
Geldspender für die Restaurierung zunächst der Kirche aufzutreiben. Dank der
großzügigen Spenden der amerikanischen Partnergemeinde St. John’s in
Chambersburg und den unermüdlichen Anstrengungen des dortigen Küsters, Herrn
Klaus Bergemann, einem Steinmetz, konnte die Restaurierung der Kapelle Schritt
für Schritt in Eigenarbeit verwirklicht werden. 1992, nach sieben Jahren harter Restaurationsarbeit
vor allem durch Herrn Bergemann und einigen freiwilligen Helfern, konnte endlich
die Andreas-Kirche wieder eingeweiht werden. Der Kirchturm wurde dann von 1997
bis 1998 restauriert.
Die
Orgel
Die
Orgel stellt eine typische kleinere romantische Dorfkirchenorgel (Schleifladenkonzept)
ohne Zungenstimmen dar, wie man sie in Dorfkirchen in Mecklenburg und
Vorpommern im 19. Jahrhundert gebaut hat. Der warme, volle Klang der
Grundstimmen, die Streicher, wie Viola di Gamba und Geigenprincipal, sowie die
besonders reizvollen Flauto amabile, die stark von Cavaillé-Coll geprägt sind,
stellen typische Merkmale der Orgeln des bekannten Orgelbauers Mehmel aus
Stralsund dar. Sogar die mildere Progressio Harmonica, eine nicht repetierende
Mixtur, erlaubt das Bach-Spiel mit erstaunlicher Klarheit. Die Orgel wurde 1868
in das erweiterte Gehäuse der barocken Vorgängerorgel eingebaut, die nicht mehr erhalten werden
konnte. Mit dem beginnenden Verfall der Kirche wurde leider auch die
Mehmel-Orgel durch Vandalismus teilweise beschädigt und war nicht mehr
spielfähig. Glücklicherweise konnte dann nach der Wiedervereinigung 1994 auch
die Orgel durch Orgelbau Sauer, Frankfurt/Oder restauriert werden. Beschädigte
Pfeifen und die Prinzipal-Prospektpfeifen (im 1. Weltkrieg zwangsweise ausgebaut
und durch Zinkpfeifen ersetzt) konnten rekonstruiert und somit das reizvolle
Instrument erhalten werden. Im Sommer finden regelmäßig Konzerte in der Kirche
statt.
F.
A. Mehmel- Orgelbauer von Stralsund
Über das Leben Friedrich Albert Mehmels ist nur
sehr wenig bekannt, es existiert nicht einmal ein Bild von ihm und bis
heute konnte kein Firmenarchiv gefunden werden.
Friedrich Albert Daniel Mehmel wird am 6. Dezember
1827 in Allstedt im Großherzogtum Weimar geboren. Er ist der Sohn eines
Tischlers. Ab 1845 erlernt er das Handwerk des Orgelbauers und arbeitet in
verschiedenen Orgelwerkstätten, schließlich bei Ladegast in Weißenfels, der ihn
nachhaltig prägt. 1858 übernimmt er das Orgelbaugeschäft des verstorbenen
Matthias Fernau in Stralsund, neben welchem er später aufgrund der großen
Nachfrage noch eine Werkstätte in Wismar eröffnet. Bereits 1856 zieht er nach
Stralsund und erwirbt 1859 das Bürgerrecht der Hansestadt. Schon 1862 gelangt
Mehmel zu solchem Wohlstand, dass er sich ein größeres Haus bauen lässt. Dieses
Gebäude steht noch heute. Wie sich Mehmel im gesellschaftlichen Leben seiner
Zeit gibt und darstellt ist nicht bekannt.
Aufgrund der großen Nachfrage nach Orgeln in Mecklenburg
gründet er in Wismar einen Filialbetrieb, der von 1874 bis 1877 besteht. Mit 32
Jahren heiratet er die Witwe des Orgelbauers Fernau. Aus dieser Ehe gehen sechs
Kinder hervor, von denen mehrere früh sterben. Mehmel verstirbt am 4. Juli 1888.
Vorpommern ist für den Orgelbau im 19. Jh. ein breites
Feld, da die meisten Dorfkirchen noch ohne Orgel sind und viele vorhandene
Instrumente in der Franzosenzeit zerstört worden waren. Die Kirchen selbst
befinden sich in einer finanziell guten Situation und man hält den Bau von
Orgeln für wünschenswert, schon aus Gründen der „Bildung des gemeinen Volkes“. Das
Wirkungsterritorium Mehmels reicht von Cuxhaven bis Kolbergmünde (Kolobrzeg),
jedoch ist Vorpommern sein wesentlicher Schaffensbereich, wo sich bis heute viele
seiner Instrumente befinden. Nach dem Bau der großen Ratzeburger Domorgel im Jahre
1881 wird Mehmel zum „Hoforgelbauer S.K. Hoheit d. Grossherzogs v. M. Strelitz“
ernannt.
Manche der verbliebenen Mehmelorgeln trifft man heute
in
einem sehr vernachlässigten Zustand an, da leider viele kleine Gemeinden
finanziell nicht in der Lage sind, die Instrumente instandzusetzen oder regelmäßig
warten zu lassen. Dennoch konnten einige seiner Instrumente in den Jahren nach
der politischen Wende sorgfältig restauriert werden. Mehmels große Instrumente
fallen alle dem Kriege zum Opfer. Sein größtes noch vorhandenes Instrument
befindet sich in der Marienkirche zu Greifswald.
Die
Orgelwerkstatt Mehmels umfasste
offenbar zwischen sieben bis 14 Beschäftigte. Auf jeden Fall intonierte er den Großteil
seiner Orgeln selbst. Die kleine Werkstätte mit ihrer geringen Mitarbeiterzahl
war auf den Bau kleinerer Orgeln eingestellt, durchschnittlich hatten die
Instrumente 15 Register auf zwei Manualen und Pedal. Wegen der wenigen
Mitarbeiter musste für große Orgeln ein längerer Fertigungszeitraum eingeplant
werden. Große Orgeln mit 60-70 Registern baute Mehmel für den Ratzeburger Dom, Wismarer
Kirchen und Stralsund St. Jacobi. In Vorpommern baut Mehmel etwa 45 Orgeln, in Mecklenburg
zählt man 20 Neubauten. In Schleswig-Holstein und im Raum Hamburg sind sieben
Instrumente nachgewiesen.
Mehmel fertigt die meisten Teile in seiner eigenen Werkstatt.
Zungen lässt er jedoch anfertigen, denn die durchschlagenden
Zungen entsprechen denjenigen, die viele Orgelbauer dieser Zeit bei Schiedmayer
in Stuttgart einkauften, da sich diese Firma auf den Zungen- bzw. Harmoniumbau
spezialisiert hatte. Die Orgelgehäuse lässt Mehmel oft von Stralsunder
Stadtbaumeistern entwerfen.
Mehmel steht eindeutig in der Tradition des romantischen
Orgelbaus. Damit bedeutet sein Klangkonzept die Abkehr von den Traditionen, die
bislang in Vorpommern vorherrschend sind: Renaissance, Barock und Frühromantik.
Diese Klangideale übernimmt er nicht, sondern führt Traditionen weiter, die er
bei seinen Lehrern kennen gelernt hat. Lediglich der Grundbestand an Prinzipalen,
Gedackten und Rohrflöten wird, wenigstens dem Namen nach, übernommen. Die
stärkste Prägung mag Mehmel zweifelsfrei bei Ladegast erhalten haben, der viele
Anregungen Aristide Cavaillé-Colls aus Frankreich nach Deutschland brachte und
modifiziert umsetzte. Leider ist die originale Intonation nur noch an sehr
wenigen Instrumenten erhalten geblieben. Mehmels Dispositionen zeichnen sich
durch eine breite 8’-Basis aus, mit Stimmen die jeweils sehr charakteristisch
intoniert sind. Dabei sind die Registernamen weniger kennzeichnend, im
Vordergrund steht die völlig neuartige Intonation, die hierzulande sehr lebhaft
aufgegriffen wurde. Die Register Hohlflöte, Viola di Gamba, Violon, Cornett
4fach, Quarte 2fach und Progressio harmonica 2-3fach sind Register, die er in fast
jede Orgel einbaut.
Ein wesentlicher
Aspekt, den er auch
selbst betont, ist die Wirkung eines Instruments. Der durchtragende Klang ist
ein Kennzeichen seiner Werke, selbst bei kleinen Kirchen. Leider fallen fast
alle Prinzipalregister Mehmels 1917 der Rüstungsproduktion des 1. Weltkriegs
zum Opfer.
Besonderes
Merkmal seiner Register ist die außerordentlich gute
Mischfähigkeit, so dass man eine Vielzahl von
Klangfarben erzeugen kann. Obwohl Mehmel einen vollen Klang anstrebt, wendet er
sich gegen scharfe und harte Register. Wörtlich liest man bei Mehmel, dass er
bei der Planung der neuen Orgel die sanften Stimmen nicht außer Acht gelassen
habe. Ihnen misst er einen großen Stellenwert bei. Mehmel baut ausschließlich
Orgeln mit mechanischer Traktur.
Die Orgeln Mehmels liegen zwischen zwei Stilepochen der
Orgelmusik, zwischen Hochromantik und Moderne. Klangtypisch sind sie für die
Musik von Joseph Rheinberger, Franz Liszt, Julius Reubke und anderer
Zeitgenossen. Für Regers Orgelwerke eignen sich die Instrumente weniger, da
diese Musik viele feine dynamische Abstufungsmöglichkeiten verlangt. Für die
Musik Bachs oder Mendelssohns wiederum sind sie wegen der tiefliegenden
akkordischen Mixturen nur wenig geeignet. Diese Werke wurden wahrscheinlich nur
vereinzelt gespielt, da die Organisten in Vorpommern meist Lehrer waren, die
den Organistendienst im Nebenamt versahen. Was das Literaturspiel betrifft,
waren die Bewerbungsanforderungen für Organisten nicht besonders hoch. Umso
höher waren die Anforderungen deshalb an das improvisatorische Können, was aus
Bewerbungsanforderungen hervorgeht. Mehmel wird seine Instrumente also mit
Literatur kaum voll ausgespielt gehört haben.
Nach seinem Tod übernimmt Paul Mehmel, sein Sohn,
die Werkstatt. Er stirbt aber schon am 28. Juli 1894. Danach geht die
Orgelwerkstatt unter.
Quelle: Markus T.
Funck, Stralsund, Dissertation in Vorbereitung
Danksagung
Der
Autor dankt der Kirchengemeinde von
Nehringen - ganz besonders Herr Klaus
Bergemann - für die große Unterstützung
während der schwierigen nächtlichen
Aufnahmen und
die vielen Informationen zur Kirchen-
und Orgelgeschichte. Speziellen Dank
auch Herrn Organist Markus Funck, Stralsund,
für die Bereitstellung zahlreicher Unterlagen sowie die vorbereitenden
Kontakte zu diesem Aufnahmeprojekt.