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 © OrganART Media
2002-2006

Last update:
Oct. 31, 2005

 

Die F. A. Mehmel Dorfkirchenorgel von 1868

St. Andreas-Kirche, Nehringen
Mecklenburg-Vorpommern, Deutschland

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    Einführung

    Kirchengeschichte
    Die Nehringer Andreas-Kapelle verdankt ihr heutiges Aussehen einem umfangreichen barocken Umbau in den Jahren 1721 bis 1726 während der Amtszeit des Generalgouverneurs von Rügen und Vorpommern, Graf August von Meyerfeldt, in der sog. „schwedischen Periode“.

    Großflächige Deckengemälde (Kreuzigungsszenen und Jüngstes Gericht), Tafelbilder, sowie die barocke Kanzel, der Taufengel, die Patronatsloge und die restaurierte Mehmel-Orgel vervollständigen den barocken Eindruck. Besonders hervorzuheben ist der künstlerisch hochwertige Marmor-Renaissancealtar von 1598, der mit seinen aus italienischer Schule stammenden Reliefs das wertvollste Ausstattungsstück der Kirche darstellt. Nehringen selbst gilt als letztes erhaltenes Ensemble schwedischen Barocks in Vorpommern (Quelle: Kirchen im Ostseeland).

    1945 beginnt der Verfall der Kirche, die wegen zunehmender Einsturzgefahr dann schließlich später ganz geschlossen wird. 1984 wird noch während der DDR-Regierungszeit vom Kreiskirchenrat der Beschluss gefasst, die Kirche (und vermutlich die durch Vandalismus beschädigte Orgel) ganz aufzugeben. Nach vehementen Protesten der Kirchengemeinde wird versucht, Geldspender für die Restaurierung zunächst der Kirche aufzutreiben. Dank der großzügigen Spenden der amerikanischen Partnergemeinde St. John’s in Chambersburg und den unermüdlichen Anstrengungen des dortigen Küsters, Herrn Klaus Bergemann, einem Steinmetz,  konnte die Restaurierung der Kapelle Schritt für Schritt in Eigenarbeit verwirklicht werden. 1992, nach sieben Jahren harter Restaurationsarbeit vor allem durch Herrn Bergemann und einigen freiwilligen Helfern, konnte endlich die Andreas-Kirche wieder eingeweiht werden. Der Kirchturm wurde dann von 1997 bis 1998 restauriert. 

    Die Orgel
    Die Orgel stellt eine typische kleinere romantische Dorfkirchenorgel (Schleifladenkonzept) ohne Zungenstimmen dar, wie man sie in Dorfkirchen in Mecklenburg und Vorpommern im 19. Jahrhundert gebaut hat. Der warme, volle Klang der Grundstimmen, die Streicher, wie Viola di Gamba und Geigenprincipal, sowie die besonders reizvollen Flauto amabile, die stark von Cavaillé-Coll geprägt sind, stellen typische Merkmale der Orgeln des bekannten Orgelbauers Mehmel aus Stralsund dar. Sogar die mildere Progressio Harmonica, eine nicht repetierende Mixtur, erlaubt das Bach-Spiel mit erstaunlicher Klarheit. Die Orgel wurde 1868 in das erweiterte Gehäuse der barocken Vorgängerorgel  eingebaut, die nicht mehr erhalten werden konnte. Mit dem beginnenden Verfall der Kirche wurde leider auch die Mehmel-Orgel durch Vandalismus teilweise beschädigt und war nicht mehr spielfähig. Glücklicherweise konnte dann nach der Wiedervereinigung 1994 auch die Orgel durch Orgelbau Sauer, Frankfurt/Oder restauriert werden. Beschädigte Pfeifen und die Prinzipal-Prospektpfeifen (im 1. Weltkrieg zwangsweise ausgebaut und durch Zinkpfeifen ersetzt) konnten rekonstruiert und somit das reizvolle Instrument erhalten werden. Im Sommer finden regelmäßig Konzerte in der Kirche statt.


    F. A. Mehmel-  Orgelbauer von Stralsund

    Über das Leben Friedrich Albert Mehmels ist nur sehr wenig bekannt, es existiert nicht einmal ein Bild von ihm und bis heute konnte kein Firmenarchiv gefunden werden.

    Friedrich Albert Daniel Mehmel wird am 6. Dezember 1827 in Allstedt im Großherzogtum Weimar geboren. Er ist der Sohn eines Tischlers. Ab 1845 erlernt er das Handwerk des Orgelbauers und arbeitet in verschiedenen Orgelwerkstätten, schließlich bei Ladegast in Weißenfels, der ihn nachhaltig prägt. 1858 übernimmt er das Orgelbaugeschäft des verstorbenen Matthias Fernau in Stralsund, neben welchem er später aufgrund der großen Nachfrage noch eine Werkstätte in Wismar eröffnet. Bereits 1856 zieht er nach Stralsund und erwirbt 1859 das Bürgerrecht der Hansestadt. Schon 1862 gelangt Mehmel zu solchem Wohlstand, dass er sich ein größeres Haus bauen lässt. Dieses Gebäude steht noch heute. Wie sich Mehmel im gesellschaftlichen Leben seiner Zeit gibt und darstellt ist nicht bekannt.

    Aufgrund der großen Nachfrage nach Orgeln in Mecklenburg gründet er in Wismar einen Filialbetrieb, der von 1874 bis 1877 besteht. Mit 32 Jahren heiratet er die Witwe des Orgelbauers Fernau. Aus dieser Ehe gehen sechs Kinder hervor, von denen mehrere früh sterben.  Mehmel verstirbt am 4. Juli 1888.

    Vorpommern ist für den Orgelbau im 19. Jh. ein breites Feld, da die meisten Dorfkirchen noch ohne Orgel sind und viele vorhandene Instrumente in der Franzosenzeit zerstört worden waren. Die Kirchen selbst befinden sich in einer finanziell guten Situation und man hält den Bau von Orgeln für wünschenswert, schon aus Gründen der „Bildung des gemeinen Volkes“. Das Wirkungsterritorium Mehmels reicht von Cuxhaven bis Kolbergmünde (Kolobrzeg), jedoch ist Vorpommern sein wesentlicher Schaffensbereich, wo sich bis heute viele seiner Instrumente befinden. Nach dem Bau der großen Ratzeburger Domorgel im Jahre 1881 wird Mehmel zum „Hoforgelbauer S.K. Hoheit d. Grossherzogs v. M. Strelitz“ ernannt.

    Manche der verbliebenen Mehmelorgeln trifft man heute in einem sehr vernachlässigten Zustand an, da leider viele kleine Gemeinden finanziell nicht in der Lage sind, die Instrumente instandzusetzen oder regelmäßig warten zu lassen. Dennoch konnten einige seiner Instrumente in den Jahren nach der politischen Wende sorgfältig restauriert werden. Mehmels große Instrumente fallen alle dem Kriege zum Opfer. Sein größtes noch vorhandenes Instrument befindet sich in der Marienkirche zu Greifswald.

    Die Orgelwerkstatt Mehmels umfasste offenbar zwischen sieben bis 14 Beschäftigte. Auf jeden Fall intonierte er den Großteil seiner Orgeln selbst. Die kleine Werkstätte mit ihrer geringen Mitarbeiterzahl war auf den Bau kleinerer Orgeln eingestellt, durchschnittlich hatten die Instrumente 15 Register auf zwei Manualen und Pedal. Wegen der wenigen Mitarbeiter musste für große Orgeln ein längerer Fertigungszeitraum eingeplant werden. Große Orgeln mit 60-70 Registern baute Mehmel für den Ratzeburger Dom, Wismarer Kirchen und Stralsund St. Jacobi. In Vorpommern baut Mehmel etwa 45 Orgeln, in Mecklenburg zählt man 20 Neubauten. In Schleswig-Holstein und im Raum Hamburg sind sieben Instrumente nachgewiesen.

    Mehmel fertigt die meisten Teile in seiner eigenen Werkstatt. Zungen lässt er jedoch anfertigen, denn die durchschlagenden Zungen entsprechen denjenigen, die viele Orgelbauer dieser Zeit bei Schiedmayer in Stuttgart einkauften, da sich diese Firma auf den Zungen- bzw. Harmoniumbau spezialisiert hatte. Die Orgelgehäuse lässt Mehmel oft von Stralsunder Stadtbaumeistern entwerfen.

    Mehmel steht eindeutig in der Tradition des romantischen Orgelbaus. Damit bedeutet sein Klangkonzept die Abkehr von den Traditionen, die bislang in Vorpommern vorherrschend sind: Renaissance, Barock und Frühromantik. Diese Klangideale übernimmt er nicht, sondern führt Traditionen weiter, die er bei seinen Lehrern kennen gelernt hat. Lediglich der Grundbestand an Prinzipalen, Gedackten und Rohrflöten wird, wenigstens dem Namen nach, übernommen. Die stärkste Prägung mag Mehmel zweifelsfrei bei Ladegast erhalten haben, der viele Anregungen Aristide Cavaillé-Colls aus Frankreich nach Deutschland brachte und modifiziert umsetzte. Leider ist die originale Intonation nur noch an sehr wenigen Instrumenten erhalten geblieben. Mehmels Dispositionen zeichnen sich durch eine breite 8’-Basis aus, mit Stimmen die jeweils sehr charakteristisch intoniert sind. Dabei sind die Registernamen weniger kennzeichnend, im Vordergrund steht die völlig neuartige Intonation, die hierzulande sehr lebhaft aufgegriffen wurde. Die Register Hohlflöte, Viola di Gamba, Violon, Cornett 4fach, Quarte 2fach und Progressio harmonica 2-3fach sind Register, die er in fast jede Orgel einbaut.

    Ein wesentlicher Aspekt, den er auch selbst betont, ist die Wirkung eines Instruments. Der durchtragende Klang ist ein Kennzeichen seiner Werke, selbst bei kleinen Kirchen. Leider fallen fast alle Prinzipalregister Mehmels 1917 der Rüstungsproduktion des 1. Weltkriegs zum Opfer.

    Besonderes Merkmal seiner Register ist die außerordentlich gute Mischfähigkeit, so dass man eine Vielzahl von Klangfarben erzeugen kann. Obwohl Mehmel einen vollen Klang anstrebt, wendet er sich gegen scharfe und harte Register. Wörtlich liest man bei Mehmel, dass er bei der Planung der neuen Orgel die sanften Stimmen nicht außer Acht gelassen habe. Ihnen misst er einen großen Stellenwert bei. Mehmel baut ausschließlich Orgeln mit mechanischer Traktur.

    Die Orgeln Mehmels liegen zwischen zwei Stilepochen der Orgelmusik, zwischen Hochromantik und Moderne. Klangtypisch sind sie für die Musik von Joseph Rheinberger, Franz Liszt, Julius Reubke und anderer Zeitgenossen. Für Regers Orgelwerke eignen sich die Instrumente weniger, da diese Musik viele feine dynamische Abstufungsmöglichkeiten verlangt. Für die Musik Bachs oder Mendelssohns wiederum sind sie wegen der tiefliegenden akkordischen Mixturen nur wenig geeignet. Diese Werke wurden wahrscheinlich nur vereinzelt gespielt, da die Organisten in Vorpommern meist Lehrer waren, die den Organistendienst im Nebenamt versahen. Was das Literaturspiel betrifft, waren die Bewerbungsanforderungen für Organisten nicht besonders hoch. Umso höher waren die Anforderungen deshalb an das improvisatorische Können, was aus Bewerbungsanforderungen hervorgeht. Mehmel wird seine Instrumente also mit Literatur kaum voll ausgespielt gehört haben.

    Nach seinem Tod übernimmt Paul Mehmel, sein Sohn, die Werkstatt. Er stirbt aber schon am 28. Juli 1894. Danach geht die Orgelwerkstatt unter.
    Quelle:   Markus T. Funck, Stralsund, Dissertation in Vorbereitung


    Danksagung
    Der Autor dankt der Kirchengemeinde von Nehringen - ganz besonders Herr Klaus Bergemann - für die große Unterstützung während der schwierigen nächtlichen Aufnahmen und die vielen Informationen zur Kirchen- und Orgelgeschichte. Speziellen Dank auch Herrn Organist Markus Funck, Stralsund, für die Bereitstellung zahlreicher Unterlagen sowie die vorbereitenden Kontakte zu diesem Aufnahmeprojekt.