1877 Aristide Cavaillé-Coll-Orgel

Kath. Kirchengemeinde St. Bernhard, Mainz-Bretzenheim/Rheinland-Pfalz, Deutschland

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Kurze Einführung und Geschichtliches

"Bis in unsere Tage hinein elektrisiert der Name „Cavaillé-Coll“ die Orgelwelt, die 1999 den 100. Todestag des genialen französischen Orgelbauers feierte. Seine Werke verkörpern ein hochromantisches Klangideal, das auf orchestrale Klangfarben, eine hochgradige Klangverschmelzung und sonore Fülle bei gleichzeitiger Geschmeidigkeit des Tons abzielt. Dunklen und gesättigten Klangfarben wird hierbei vor lichten Farben der Vorzug eingeräumt. Aristide Cavaillé-Coll (1811-1899) gilt als Schöpfer der sogenannten symphonischen Orgel; sein Einfluß auf die Entwicklung des englischen und deutschen Orgelbaus kann nicht hoch genug eingeschätzt werden. Er schuf eine Synthese aus der klassischen französischen Orgel, der er charakteristische überblasende Flöten (Flûte harmonique), das Schwellwerk und (spanische) horizontale Trompeten (Trompettes en chamade) sowie (süddeutsche) Streicher hinzufügte.  Eine hochwertige handwerkliche Verarbeitung edler Materialien paart sich in den Meisterwerken des wissenschaftlich forschenden Akustikers mit genialen klanglichen Entwürfen, die sich en detail durch eine individuelle und elegante Intonation auszeichnen. Seine Orgeln boten zahlreichen französischen Komponisten in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts Inspiration und Realisierungsmöglichkeit eines neuartigen, durch sie selbst hervorgerufenen, symphonischen Kompositionsstils. Die größten Orgelkomponisten Frankreichs - wie Franck, Widor, Vierne bis Messiaen - waren zutiefst von dem Klangreichtum seiner Instrumente motiviert und erfüllt.

Die A. Cavaillé-Coll Orgel von St. Bernhard die erste und einzige originale ihrer Art in Deutschland. Sie hat eine ereignisreiche Geschichte, die durch Angaben der Familie des vormaligen Eigentümers, des Architekten Patrice Comte, Paris, sowie durch die Recherchen der Orgelbauer Berger und Swiderski rekonstruiert werden konnte. Die Ursprünge des Instruments gehen in die siebziger Jahre des letzten Jahrhunderts zurück. 1876/77 für  St. Ferdinand et Thérèse de l'enfant de Jésu bestimmt, im Winkel zwischen Rue St. Ferdinand und Rue d'Armaillé, unweit der  Place de l'Etoile, verfügte die Gemeinde überraschend über Mittel für den Erwerb einer größeren Orgel. Cavaillé-Coll nutzte diese Gelegenheit, baute für St. Ferdinand ein neues Instrument und nahm die kleinere Orgel in sein Atelier zum Testen neuer Techniken sowie als Ausstellungs- und Vorführinstrument zurück. Die aufwendige Ausstattung sowie die komplizierte Mechanik der Orgel belegen einen Stand der Orgelbautechnik wie ihn Cavaillé-Coll etwa für St. Ouen in Rouen (1890) verwandte, so daß die Fachleute von einem Abschluß der Arbeiten spätestens Anfang der neunziger Jahre (1890-92) ausgehen. Seit dieser Zeit blieb die Orgel unverändert.

Wesentlich älter als das eigentliche Orgelwerk sind die Prospektteile aus massiver Eiche. Es war durchaus an der Tagesordnung, daß Cavaillé-Coll historische Gehäuse der Vorgängerorgeln übernahm. Teile des Prospekts sind mehr als 250 Jahre alt, was durch die originalen Schrauben exakt nachgewiesen werden konnte. Der Kunsttischler Cavaillés integrierte meisterhaft das historische Material und stattete z.B. auch die Orgelbank mit entsprechenden Friesen, Schnecken und Engelsköpfen aus.

Die Urgroßmutter von Patrice Comte, Cécile (1869-1950), Tochter des elsässischen Metallfabrikanten Jakob Holtzer, kaufte schließlich die Orgel von Cavaillé-Colls unmittelbarem Nachfolger, Charles Mutin, 1912 für ihre musikalische Tochter Hélène, der besten Freundin und ersten Schülerin von Nadia Boulanger. Die berühmte Organistin der Pariser Madeleine kannte und schätzte das wertvolle Instrument, das im Pariser Stadtpalais der Familie in der Rue d'Anjou bis zum Ableben der Urgroßmutter (1950) stand. Im Jahre 1951 wurde der Palais verkauft und die Orgel in das Oratoire de Louvre, der größten lutherischen Kirche von Paris transferiert. Dort tat sie ihren Dienst bis Ende der sechziger Jahre. Im Jahre 1971 stellte Nadia Vergniaud, die Mutter Patrice Comtes, ehemals selbst Schülerin von Nadia Boulanger, das Instrument großzügigerweise der kleinen lutherischen Gemeinde von Suresnes vor den Toren von Paris für ihre Versöhnungskirche zur Verfügung. Es tat dort allsonntäglich seinen Dienst bis im Jahre 1997 eine größere Restauration vonnöten wurde; die Mechanik wurde müde und die Windversorgung schlecht. In Eigenleistung versuchte die Gemeinde, die Kosten zu begrenzen; die gutwilligen Amateure mußten jedoch bald einsehen, daß nur eine fachgerechte Restauration, die sie selbst weder fachlich noch finanziell leisten konnten, den Bestand der Orgel sichern konnte. Mit Hilfe des Orgelbauers Francois Delangue gelang es, mit der Gemeinde und dem Eigentümer in Kontakt zu treten. P. Comte war an einem Erhalt des Instruments wie an einer der Orgel gerechten Aufstellung in Deutschland interessiert und verkaufte die Orgel an die Katholische Pfarrgemeinde St. Bernhard nach Mainz. Die Gremien der Gemeinde entschieden für die umfangreiche Restaurierung durch die Orgelbaufirma Claude Berger, Clermont d'Hérlaut (bei Montpellier), die zusammen mit Orgelbaumeister Jean-Pierre Swiderski, Paris, die Arbeiten mit großer Sorgfalt und Umsicht durchführte.

Der Generalvikar des Bistums Mainz, Prälat Dr. Werner Guballa, weihte die erste A. Cavaillé-Coll-Orgel Deutschlands am 17. Dezember 1999. Daniel Roth, Titularorganist der großen A. Cavaillé-Coll-Orgel von St.- Sulpice zu Paris, spielte den feierlichen Gottesdienst zur Weihe und das Einweihungskonzert im Rahmen eines internationalen Symposions anläßlich des 100. Todestages Aristide Cavaillé-Colls der Akademie des Bistums Mainz, Erbacher Hof".

(Dr. Peter Reifenberg, Akademie des Bistums Mainz, mit freundlicher Genehmigung)

Der Kirchenraum hat eine Nachhallzeit von etwa 3 Sekunden

Position in Googlemaps

 

Aufnahmetechnik

Die Orgel wurde im Januar 2004 mit 44 kHz, 16 bit, Multikanal-Technik für Hauptwerk 1 aufgenommen.

Dank

Dank gilt der Kirchengemeinde St. Bernhard, die dieses Projekt ermöglichte.
Spezieller Dank an Organist Wolfgang Mayer für die Hilfe vor Ort!